Sonntag, 11. Mai 2014

Reisereportage: Bootstour zu den kleinen Sunda-Inseln



Abduls Sidekick

Nachdem Abdul glücklicherweise NICHT vom schmalen Grat auf den letzten Meter zum Gipfel des Gunung Rinjani abgestürzt ist, verewigt er sich hier mit seiner Sicht der Dinge während unserer epischen Fahrt zu den kleinen Sunda-Inseln. Feuer frei:  

Abdul blickt versonnen in die Ferne - der Baba steht Kopf.

Prolog

Seit meinem ersten Zusammentreffen mit Mr. Coconutyoga in Athen im September 2009 befand ich mich in den Fängen von Coconutyoga Travels. Risiken und Nebenwirkungen des schnell berüchtigten Unternehmens waren mir schnell vorgeführt und wurden durch regelmäßig unregelmäßigen E-Mail Kontakt bestätigt. Doch Mr. Coconutyoga ist wie Crystal Meth – macht beim ersten Mal süchtig.

Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis ich meine erste Tour buchen würde. Weltliche Zwänge wie Studium und Geld zogen den Zeitpunkt bis in den November des Jahres 2013. Meine Buchung habe ich nicht bereut, ganz im Gegenteil.

Nach drei in jeder Hinsicht wahnsinnigen Tagen auf der zweithöchsten Erhebung Indonesiens und einem Erholungstag (sieben wären eher angemessen gewesen…), buchten wir eine fünftätige Bootstour über Sumbawa, Mojo Island, Satonda Island, Komodo, Rinca und Flores. Wobei wir eigentlich nur die Komodo-Warane auf  Komodo und Rinca sehen wollten. Jedoch schien uns dies aufgrund meines knappen zeitlichen Kontingents als der schnellste Weg dorthin. Wir waren uns vollkommen im Unklaren, was uns die folgenden fünf Tage erwarten würde. 

Station 1: der Schlepperhafen – eine Ansammlung Alleinreisender

Nach unserer Abholung in unserer Unterkunft wurden wir zum Abfahrtsort Bangsal gebracht, wo unsere Schiff warten sollte. Wir wurden in einem Warung (entspricht Café/Restaurant/Imbissbude/Snackbar) abgesetzt und mussten dann noch kurz auf die Abfahrt warten. Aus kurz wurden knapp drei Stunden. Genügend Zeit, die Umgebung samt den Mitmenschen zu beobachten. In dem Warung befanden sich mehrere Dutzend Individualreisender und es war nicht offensichtlich, welchen Weg sie einschlagen würden. Dass sie allesamt auf dasselbe Boot wollten, wurde uns erst später vor Augen geführt. 
Sympathisch waren uns auf Anhieb Pascal aus dem Ruhrpott, da er gleich ein ganzes Paket voller Bier mit aufs Boot nahm, sowie Marc und Rahel aus der Schweiz, die sich für ein Jahr auf Weltreise befanden. Ich war jedoch angesichts der letzten Tage noch sichtlich gezeichnet und verlegte mich eher auf das Beobachten als auf das Kommunizieren. Bizarr waren die locals, die wechselweise die Bierbestellungen für die nächsten Tage aufnahmen, einem das T-Shirt abschwatzen wollten oder Marihuana andrehen wollten. Es fiel schwer zu unterscheiden, wer Angestellter des Unternehmens war oder nur aufgrund der Touristen dort herumlungerte. Insgesamt eine unangenehme Atmosphäre, die durch die Ungewissheit der nächsten Tage verstärkt wurde. Pascal und die beiden Schweizer stellten sich jedoch als hervorragende Spießgenossen heraus, mit denen man blendend die Zeit totschlagen konnte.

Während ich mit dem Schlafmangel noch kämpfte, war Mr. Coconutyoga gerade deswegen voll in seinem Element und schwang sich zum Entertainer unserer kleinen, aber feinen, Deutsch sprechenden Gruppe auf. Sein Fatalismus kann äußerst unterhaltsam sein. Für unsere Begleiter der nächsten fünf Tage hatte Mr. Coconutyoga ganz gewiss eine merkwürdige Erscheinung: ein Deutscher, der in (meinen) zu großen Markenflipflops, in einer indischen, orangenen Seidenhose und in einem Hemd, das die Brusthaare preis gab, nervös hin und her lief und mit seinem markanten Lachen alle Teilnehmer der Reise auf sich aufmerksam machte. Da wir uns früh in unserer Runde mit den anderen Deutschsprachigen zusammen schlossen, war der Sonderling des Unternehmens früh ausgemacht. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich der Rest der Gruppe zum Ignorieren des seltsamen Deutschen.


Station 2: On the sea again – Nächte mit Käpt’n Arak und Konsorten

Die ersten Tage unserer Fahrt kann man aus zwei Sichtwinkeln betrachten. Zum einen waren sie ungemein monoton, da wir die meiste Zeit vor uns her schipperten und immerzu dem Wechsel von einsamen, unbewohnten Inseln und dem unendlichen Indischen Ozean beiwohnten. Das Boot fuhr stets gemächlich und Käpt’n Arak hatte trotz aller Unkenrufe und des gegenteiligen Eindrucks sein Schiff unter Kontrolle. 


Da es tatsächlich unter den 28 Mitreisenden nur ganz wenige gab, die sich alleine auf diesem Boot befanden, wurde vornehmlich in den bereits existierenden Kleingruppen verkehrt. 

Auf der anderen Seite jedoch – und das wurde mir erst allmählich am zweiten Tag bewusst – waren wir gerade im Begriff, an den schönsten Stränden dieser Erde bei unnachgiebigem Sonnenschein und leichter Brise vorbei zu schippern.




Unsere Reisegruppe stellte sich als die Beste überhaupt heraus: Neben den unvermeidlichen Niederländern, die nicht nur die größte Kleingruppe stellten, sondern auch über die Sprache mit der lautesten Intonation verfügten, gab es drei schubladencoole Finne, eine Reihe von reservierten, aber unterhaltsamen Engländern, ein paar charmante Franzosen, unsere kleine deutsch sprechende Gruppe. Und natürlich Mr. Coconutyoga. Zunehmend kam ich mit beinahe jedem ins Gespräch und ich fand immer größeren Gefallen an unserem Bootstrip. Die anfängliche Skepsis war verflogen. Dafür waren die Umstände einfach viel zu blendend. Vor allem die Sonne, wenn sie wieder gnadenlos im Zenit stand. 
 
Die Umstände waren so herausragend, dass man erst mit der nötigen Reflexion nach der Rückkehr realisiert, wie rundum gelungen die Tour war. Das konnte auch nicht der ab und zu einsetzende Monsunregen ändern – ganz im Gegenteil: Denn was könnte erfrischender sein als im 26° C warmen Indischen Ozean zu baden und dabei auch noch von oben nass zu werden? 
 
Für blendende Unterhaltung sorgte nicht nur das Genießen der blenden Umstände, sondern das Beobachten der (non-)verbalen Interaktion zwischen Mr. Coconutyoga und den anderen Bootsreisenden. Während sich Pascal, Rahel und Marc inzwischen gut mit ihm verstanden und erkannten, dass er nicht (nur) auf einem Selbstfindungstrip ist, sondern auch ein hervorragender Gesprächspartner, der sich über Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit tiefgehenden Gedanken gemacht hat und diese auch teilen will, verlegte sich der Rest auf das Ignorieren. Die langen, einsamen Schnorchelgänge und die Bergbesteigungen trugen zum Bild des Sonderlings aus Deutschland bei. Die anfängliche Erschrockenheit und Reserviertheit bei sich zufällig oder auch den Umständen geschuldeten, gezwungenen Unterhaltungen war in den Gesichtern der anderen zu beobachten. 
Doch schnell wich die Zurückhaltung der Erkenntnis, dass Gespräche mit dem Baba ergiebig und nachdenklich, aber auch einfach unglaublich unterhaltsam sein können.


Station 3: Die gescheiterte Meuterei

Und so geschah es, dass der bärtige Baba sich zum heimlichen Anführer all unserer subtilen und latenten Revolutionsgedanken wurde. Denn wer würde nicht bei auf einem engen Schiff auf die Idee kommen, ein allseits gefürchteter Freibeuter zu werden? Der Baba und ich zumindest schon.  
Dass ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ein Segelschiff von enormem Ausmaß in unserem Binokular erschien, konnte kein Zufall und musste ein Wink des Schicksals sein. Der Baba schwang sich auf zum Revolutionsführer auf den sieben Weltmeeren und zog mit seinen Kadetten auf dem Weg zu ewigem Ruhm und zu einer gerechteren Welt.  
Zumindest dachte er das. Denn während Mr. Coconutyoga versuchte alle Mitreisenden von der Idee zu überzeugen, dass es eine hervorragende Gelegenheit sei, die herrschenden Verhältnisse umzustürzen, schuf er nach gerade beseitigter Kluft zwischen ihm und den anderen Weltreisenden eine neue Barriere. 
Baba steigerte sich zunehmend in diese fixe Idee und man konnte seinen Augen ansehen, dass er nur allzu gern von Bord gesprungen wäre, um mit einem Messer zwischen den Zähnen den offenen Konflikt mit der Besatzung des anderen Schiffes zu suchen. 


Doch der gewöhnliche, Gemütlichkeit gewohnte, westliche Rucksacktourist lässt sich nur schwer davon überzeugen, seine Koje der Annehmlichkeiten zu verlassen. Und das auch noch von einem deutschen Hippie. Und so wurde wiederum das Bild des deutschen Sonderlings mit der seltsamen Erscheinung verankert. Denn wenn jemand nicht in eine Schublade passt, passt er nicht ins System.



Station 4: Coming home for christmas

Und so geschah es, dass die fünf Tage auf hoher See schließlich ohne Weltrevolution und ohne den Gonzostaat zu Ende gingen. Doch zunächst waren wir noch auf Flores gefangen, ohne genau zu wissen, was der für uns am günstigste Rückweg ist. Doch nach einigen absurden Gesprächen mit dem (eigentlichen) Kapitän und dem Vermittler unserer Trips, bei dem die Wahrheit niemals offen auf dem Tisch lag, traten wir den Weg auf die vermutlich beste Weise an: ganz genau so wie die Einheimischen reisen. Auf Holzplanken, mit wirklich wahnsinnigen Busfahrern, zahllosen Schleppern in undurchsichtigen Busbahnhöfen. Aber: wir sind an einem Stücke angekommen und hatten fünf Tage, die wir so schnell nicht vergessen: Tauchen mit Mantarochen, Kämpfe mit Komodowaranen, Lagerfeuern auf einsamen Inseln, die endlosen Weiten des Indischen Ozeans, zahlreiche weiße Traumstrände und dazu die beste Reisegesellschaft, die man sich vorstellen konnte. 

Zur Belohnung sollten die sagenumwobenen Gili Islands warten.


Epilog

Der Wahnsinn, der Coconutyoga Travels umhaucht, scheint ansteckend zu sein. Denn nachdem ich mich für einem kurzen Abstecher auf die berüchtigten, weil polizeifreien und drogenumwehten, Gili Islands begab, sollte noch nach dem Abschied von Mr. Coconutyoga 36 Stunden folgen, die es wirklich in sich hatten: 

schlaflose Nächte, verpasste Flüge und halbnackte Ausflüge inklusive. Aber auch das ist eine andere Geschichte…

Danke Oli für 15 unglaublich intensive Tage!


Weiterführende Links:


Freitag, 9. Mai 2014

Reisereportage: Am Ende meiner Welt


Josef Mazzini reiste oft allein und viel zu Fuß. Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern immer größer, so groß, dass er schließlich in ihr verschwand.“

Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis


Der elfte und letzte Monat meiner vierten großen Reise war angebrochen. Mit den Philippinen wartete noch einmal Neuland. Nach zwei schwierigen Monate sehnte ich mich nach einem gelungen Abschluss meiner Reise.
Ich erreichte Manila mit dem Nachtflug von Siam Raep aus und flog weiter nach Cebu. Mit dem Taxi gelangte ich zum Hafen. Ich wollte direkt nach Siargao weiterreisen. Die Insel hatten mir einige Verrückte auf Lombok empfohlen.
Am Hafen musste ich nun nur noch zehn Stunden auf meine Fähre nach Mindanao warten. Es war ja nicht so, als hätte ich die Nacht durchgemacht und am Abend zuvor meine Nerven mit Alkohol betäubt, weil es bis kurz vor Abflug so schien, als könne ich mein Hotel nicht bezahlen und den Flug nicht antreten.
Es hätte sich sicher schwierig gestaltet, einen Idioten davon zu überzeugen, mit mir hier rumzuhängen. Vielleicht wäre es dann ein wenig lustiger geworden; wahrscheinlicher ist, dass wir uns nach einer Stunde aus akuter Tristesse zerfleischt hätten. Das Wetter war trüb und der Hafen war nicht gerade ein Ort für Romantiker.
Gerade rumpelte ein Bus der Cebu Port Authority vorbei. Fenster und Türen hatte man vorsichtshalber nicht mehr ersetzt. Um mich herum standen graue, bleierne Industriegebäude. Vor mir präsentierte ein Mann im Tarnanzug und Sonnenbrille sein Großkaliber. Schon auf dem Weg zum Hafen gab es nichts, was in mir den Wunsch geweckt hatte, anzuhalten. Cebu präsentierte sich mir mit unendlichen Weiten im Verfall begriffener Industrieanlagen. Nun begann es aus bleigrauen Wolken zu regnen. Crack wäre der Atmosphäre angemessen gewesen.
Wenigstens musste ich nur auf den kleinen Rucksack aufpassen. Den wollte ich sehen, der mit dem Großen davonrennen konnte, das müsste ein Olympionike sein. Ein kluger Mann hat seine Bibliothek dabei. So wächst der Körper mit dem Geist.
Wie konnte ich solche Aktionen immer wieder antun? Vielleicht sollte ich nur noch Endzeitromane verfassen!
Nachdem ich stundenlang vor mich hingestorben war, hatte mir der Kurzbesuch in einem Imbiss neue Lebensgeister eingehaucht, der wohl nie zuvor von Touristen heimgesucht wurde. Seitdem hielt ich mich mit Bier und Cobra Energy mit 153 mg Taurin und 131 mg Koffein und einer Extraladung Ginseng über Wasser. Doch bald war der Effekt verpufft und die Marter ging weiter. Kurz vor Abfahrt erlebte ich dann noch eine große Überraschung. Da hockte ich seit gefühlten Ewigkeiten in diesem eingezäunten, heruntergekommenen Flugstuhlensemble und bildete mir ein, dass das Terminal von innen genauso schäbig wie von außen aussähe. Weit gefehlt! Als ich endlich vierzig Minuten vor Abfahrt das Terminal betrat, glaubte ich meinen Augen kaum. Ich musste Sicherheitschecks mit Scannern durchlaufen, dann betrat ich ein weitläufiges Café, in dem Hunderte Menschen saßen und kostenloses Wifi genossen und musste mich in eine Schlange einreihen, die sich gewaschen hatte. Kurz musste ich schmunzeln, doch dann war Eile geboten. Fast hätte ich noch die Fähre verpasst, auf die ich so lange gewartet hatte. Da hatte ich mir wiedermal eindrucksvoll selbst vor Augen geführt, was Übermüdung, Verwirrung, Unsicherheit und Fatalismus anrichten können.
Bald darauf stachen wir in See. Insektengleich schwärmten die Fähren in alle Richtungen aus. Über uns strahlte der Vollmond, es regnete noch immer. An uns zog kilometerlang das weitläufige Hafengelände vorbei, im Hintergrund strahlten die Hochhäuser Cebus. Ich dachte an die Portugiesen und versuche mir vorzustellen, welches Cebu sie damals vorgefunden hatten. Unsere Hinterlassenschaft war dichter, schwarzer Qualm. Noch immer blickte ich auf endlose Industrieanlagen. Von einem der Kühltürme lachte mich der Slogan „Mama`s love – there is no love like mama`s love“ an. Es roch giftig. Ich kam mir vor wie in einem Alptraum. War ich in einer Dystopie gefangen? Dieser globale Wahn machte mich sprachlos. Er erschien mir oft so übermächtig, geradezu aberwitzig dagegen anzukämpfen. War ich nur ein weiterer Don Quichotte im Sturm auf die Windmühlen?
Hätte ich so viel getrunken, wie ein Teil von mir sich das wünschte, wäre meine Reise morgen endgültig zu Ende gewesen, ich wäre in irgendeiner Gosse erwacht.
Nach ein wenig komatösem Schlaf erreichte ich am Morgen Surigao del Norte, ein wenig einladendes Städtchen am Nordzipfel von Mindanao. Ich tat mich mit ein paar einheimischen Surfern zusammen und fand so ohne Probleme das Fährboot auf die Insel Siargao. Das fuhr auch schon vier Stunden später los und nach zwei Stunden erreichte ich Dapa, inmitten von wunderschönen Mangrovenwäldern gelegen. Von dort aus ging es mit dem Trycycle nach General Luna. Schließlich fand ich mich in einem Homestay wieder, das für meine Verhältnisse nicht besonders billig war – vor allem für meine Pläne zu surfen. Das konnte ich mir abschminken. Das Wetter war weiter mies: wenn es nicht regnete, war der Himmel mit dunklen Wolken bedeckt. 
Nicht weit von meiner Unterkunft entfernt, liegt die „Cloud Nine“, einer der beliebtesten Surfspots auf den Philippinen und weit darüber hinaus bekannt. Doch leider gab es nicht den ersehnten Badestrand in der unmittelbaren Umgebung.
Ich lief fast jeden Tag am Riff vor General Luna entlang und blickte auf den stürmischen Pazifik. Einmal wagte ich mich weit hinaus zu den letzten Felsen, die normalerweise überspült sind. Ich beobachtete die Einheimischen, die hier Krebse und Seegras sammelten. Dann war ich alleine, warum wusste ich bald. Plötzlich setzte die Flut ein und mich überkam ein mulmiges Gefühl. Würde ich es schnell genug zurückschaffen? Es war eine sinnbildliche Szene: Abgesehen von ein paar Inseln im Pazifik lag ein unendliches Meer bis Amerika vor mir. Es war eines der Enden der Welt. Vielmehr, es war das Ende meiner Welt, ja, wahrscheinlich hatte ich es sogar überschritten. Dies war der Punkt, an dem ich umkehren musste – fraglich war nur, ob ich dafür noch die Kraft besaß. Kannte ich immer nur Alles oder Nichts? Manchmal eröffnete mir das den Himmel, der Preis war entsprechend hoch. Nun hatte ich alle Koordinaten verloren und fühlte endgültig keinen Boden mehr unter den Füßen. Und wohin sollte ich eigentlich zurückkehren? Ich war doch aufgebrochen, um ein neues Leben zu schaffen. Wo war es nun? Wo hatte ich den Mann gelassen hatte, der so weit gekommen war? Hatte ich mich endgültig verloren, nachdem ich so lange nach mir gesucht hatte? Sosehr ich mich dagegen wehre, in meinen Reisen eine reine Flucht zu sehen, ein Aspekt war sie gewiss. Ich flüchtete vor dem massiven Druck, etwas zu werden, was ich nicht sein wollte. Ich blockierte, ich verweigerte mich, ich brach die Schule ab. Ich rannte vor dem kapitalistischen Verwertungssystem davon, vor den Grausamkeiten der Welt, von denen ich immer mehr erfuhr und die ich nicht ertragen konnte. Ich rannte ins Nichts. Das wird mich nie wieder ganz loslassen.
Meinen Aufbruch nach Asien sollte eine Flucht nach vorne werden. Trotz aller inneren Widerstände und Ängste, waren es Abenteuer und Freiheitsversprechen, die mich in die Ferne zogen. Ich wollte auf ein neues Leben zulaufen. Es gibt auch für mich kein richtiges Leben im falschen. Ich sehnte mich nach einer gelingenden Existenz. Einer nach meinen Vorstellungen, nicht nach denen der anderen.
Am Anfang bildete ich mir ein, es sei möglich, in neuer Umgebung unbeschwerter von der Vergangenheit zu agieren. Das stimmte bedingt: Die andere Umgebung, die andere Sprache, die anderen Menschen gaben mir Möglichkeiten, mich und die Welt anders kennenzulernen und mich dabei weiterzuentwickeln. Doch zugleich hatten mich meine Dämonen schnell eines Besseren belehrt: Man kann sich nicht selbst entkommen. Fortan wollte ich bei meinem wahren Selbst ankommen, das tief unter all den Trümmern verschüttet lag. Das hatte keine Angst, es wollte sich zeigen, endlich wieder an die Oberfläche gelangen.
Ich schöpfte neues Selbstbewusstsein und neue Hoffnung und durfte erkennen, was mich ausmacht und welche Haltung mich durchs Leben tragen soll. Die Sache hatte nur einen gewaltigen Haken: Es gelang mir nicht, diese Fortschritte nach meiner Rückkehr in alter Umgebung umzusetzen, oder zumindest eine Balance zwischen alter und neuer Welt zu finden. Es war immer eine große Freude, Freunde und Familie wiederzusehen, doch bald war das Interesse an meinen Geschichten erloschen und auch mir erschienen sie völlig abstrakt. Was war all das, was ich erreicht hatte, in der alten Umgebung wert? Ich war im Dazwischen gefangen.
Bald wollte ich wieder weg, denn ich sah keinen Platz für mich und meine Träume. Sobald sich die erste Euphorie gelegt hatte, kam ich mir wie ein Fremder vor, wie ein Gescheiterter, dessen Überflüssigkeit für alle deutlich sichtbar war. Du hast deinen Spaß gehabt, jetzt kommt wieder der Ernst des Lebens. Dabei gab es für mich keinen Unterschied zwischen, dem was ich unterwegs gesucht hatte und meinem Leben. Was mich schreckte, war auch nicht die Arbeit, sondern die Sinnlosigkeit. Viermal bin ich aufgebrochen und wieder zurückgekehrt, jedes Mal ist der Graben weiter aufgerissen. Der Druck war über die Jahre immer größer geworden und ein Gefühl immer stärker: Dies würde wohl meine letzte Reise sein, ich musste sie voll ausreizen, möglichst viele Grenzen überschreiten. Das Nadelöhr, durch das ich mich zwängte, wurde immer kleiner. Dann kam ich mir manchmal wie ein Flüchtling vor, ein heimatloser Vagabund, der überall hinwollte und nirgendwo bleiben konnte.
Manchmal wünschte ich mir nichts sehnlicher, als im Dschungel zu verschwinden und nie zurückzukehren, die ultimative Flucht. Und doch zugleich mit der nicht zu Tode zu kriegenden Hoffnung im Herzen von der Rückkehr als einer, der gefunden hat, der nicht mehr suchen muss, der endlich wieder zur Ruhe kommen kann. Der sich nicht mehr rechtfertigen muss. Es war immer noch besser, bei dem Versuch zugrunde zu gehen, als das fortwährende Scheitern zu erleben.
Die Sehnsucht, die fiebrigen Träume, die ganze Welt zu sehen, alle Grenzen einzureißen und mich den größten Gefahren zu stellen, die ich selbst während aktuellen Abenteuern empfand, trieben mich manchmal in den Wahnsinn. Ich fand keine Möglichkeit von diesem Film herunterzukommen. Dann fand ich wieder einen Platz fand, an dem ich sein konnte, wer ich war. Bis mich die Getriebenheit weitertrieb.
Der Weg ist das Ziel, sagt man. Und tatsächlich fühlte ich mich oft unterwegs am glücklichsten. Es gibt kaum etwas, das mich so stark im Moment verweilen lässt.
Aber dann erblühten wieder die Träume, die Hoffnungen, die Ängste. War das Gefühl, niemals ankommen zu wollen, nicht die größtmögliche Flucht?
Manchmal wusste ich nicht mehr, wo ich hingehörte, wenn ich mich mehr verloren als gefunden hatte. Wann gelang es mir endlich den Kreis zu vollenden?
Ganz gleich, wie oft ich mir in den nächsten Tagen einen einsamen Ort mit eindrucksvoller Aussicht suchte und mich selbst beschwor, wieder nach vorne zu blicken, es gelang mir nicht. Wie war es nur so weit gekommen?
Knapp drei Monate zuvor hatte ich beschlossen, nach all den einsamen Abenteuern dieser Reise, einen Gang runter zu schalten, und gemeinsam mit einem Freund Südostasien zu bereisen. Ich wollte noch einmal Luft holen und zu Orten fahren, die mir schon vertraut waren, bevor mich mein letztes Abenteuer auf die Philippinnen führen würde. Ich hatte mich lange genug am Limit bewegt. Also reiste ich über Bali und Bangkok direkt mit dem Nachtzug weiter nach Chiang Mai. Es war fast eine Punktladung. Mein Freund kam aus Myanmar und ich erreichte die Stadt wenige Stunden später. Die Wiedersehensfreude war groß. Wir verbrachten einige Tage in Chiang Mai. Wir hatten kleinere Konflikte, dann verbrachten wir einen Abend, an dem wir uns verbrüderten. Wir entschieden uns, nach Pai weiter zu reisen.
Ich wusste, dass mein Freund in seiner Ausbildung zum Neurologen/Psychiater eine schwere Zeit auf einer Akutstation für Schlaganfallpatienten durchgemacht hatte und gab mir Mühe, Rücksicht darauf zu nehmen. Ich hatte sogar gehofft, ihm etwas von meinem Spirit mitzugeben, den ich auf meiner Reise aufgebaut hatte. Doch alles kam völlig anders. Wann immer ich ein kritisches Wort über die Welt verlor, empfand er das als persönlichen Angriff. Es wurde schnell offensichtlich, dass er nicht mit negativen Gedanken jedweder Art konfrontiert werden wollte. Er wollte alles hinter sich lassen und nur Positives an sich heranlassen. Für mich war das eine Illusion, und ich konnte gar nicht anders, als mich mit Allem zu beschäftigen, was am Wegesrand liegt, ob gut oder schlecht.
Zweifellos habe ich auch eine sehr kritische Einstellung zu den Verhältnissen auf dieser Welt. Und in manchen Phasen neige ich zu extremer Negativität, aber das war im Moment nicht der Fall. Zugegeben, ich war nie ein großer Fan von Thailand und daraus machte ich keinen Hehl, aber ich war auch nur dort, um meinen Freund zu treffen und bald nach Laos und Kambodscha weiterzureisen. Dazu kam, dass ich ernstlich krank wurde und schon auf der Fahrt nach Pai Fieber bekam. Wir waren nicht weit entfernt zur Grenze mit Myanmar. Ich musste an den Journalisten denken, den ich in Indonesien traf. Er hatte mir erzählt, wie er mit brisanten Bildern von Gräueltaten in der Grenzregion über die grüne Grenze nach Thailand geflüchtet war, um seine Bilder zu schützen. Als ich meinem Freund davon berichtete, war er einsilbig. Mich hingegen beschäftigte noch immer die Frage, wie man solche Erlebnisse wieder loswerden konnte und bemerkte, dass es einem Psychiater ähnlich gehen musste. Da hatte ich, ohne es zu wollen, seinen wunden Punkt getroffen. Aus der eisigen Reaktion meines Freundes zog ich den Schluss, dass es wohl sinnvoll war, wenn sich jeder in Pai seine eigene Unterkunft suchte und wir öfter eigene Wege gingen. Dennoch erlebten wir gute Momente zusammen und ich hatte das Gefühl, dass wir dabei waren, uns zusammenzuraufen. Wie er allerdings zu dem Schluss gelangt war, mit mir könne man gut Frauen aufreißen, blieb mir rätselhaft. Nun war ich bei unserer ersten Begegnung vor Jahren in Goa in Höchststimmung, aber wir hatten uns schließlich in Berlin wiedergetroffen und regelmäßig korrespondiert.
Leider besserte sich mein Zustand kaum. Mein Freund versprach mir, dass er auf jeden Fall bis zu meiner Genesung auf mich warten würde. Einen Tag später liefen wir uns im Ort über den Weg und er lud mich auf ein Bier ein. Dabei eröffnete er mir, dass er genug von der Stadt hatte und am nächsten Tag weiter ziehen würde. Mit uns würde es auch nicht gut passen. Dabei hatten wir noch nicht einmal eine einzige anständige Etappe unserer geplanten Reise zusammen unternommen. Ich war so geschockt, dass ich kaum ein Wort herausbrachte. Es war offensichtlich, dass es keinen Sinn machte, ihm seinen Entschluss auszureden. Betteln war das Letzte was ich tun würde. Ich empfand in diesem Moment nicht einmal Wut, ich fühlte mich nur verraten, im Stich gelassen und war bitter enttäuscht. Am Abend verabschiedeten wir uns voneinander. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Ich war nur wegen unserer gemeinsamen Reise nach Thailand gereist. Nun stand alles Kopf  und es gelang mir lange nicht, meine tiefe Enttäuschung über diesen Nackenschlag zu verarbeiten. Gesund wäre sicher gewesen, die Wut ohne Relativierungen zuzulassen und ihm deutlich zu sagen, wie beschissen ich sein Verhalten fand, um die Wut danach zu verarbeiten und wieder abzuschütteln. Es fällt mir extrem schwer, klare Grenzen zu ziehen. Meine Annäherung an die Welt findet durch Spiegelung statt, und diese empathische Ader verwischt die Grenzen allzu leicht und es wird fast unmöglich bei den eigenen Gefühlen zu bleiben. Aber es ist sicher nicht gesund, immer zu versuchen, für Alles und Jeden Verständnis aufzubringen.
Als mein Freund abgereist war, kulminierte in mir alles: nach all den unzähligen Grenzerfahrungen, den unglaublichen Strapazen und den Monaten in der Manie, stand ich ohnehin schon unter dem gigantischen Druck, meine Reisen zu einem guten Ende zu bringen und zugleich ein neues Fundament für mein weiteres Leben zu schaffen. Es war schwer genug, dem standzuhalten. Nun konnte ich einen Gedanken nicht abschütteln: Hatte es doch an mir gelegen? War es immer noch so schwer, an meiner Seite zu bleiben? Zweifellos war ich ein Eigenbrödler, gewohnt als einsamer Wolf durch die Gegend zu ziehen. Ich bin durchaus gerne in der Außenseiterrolle, auch wenn ich sie einst nicht freiwillig angenommen habe. Und doch war es nicht meine Absicht, mein Leben lang alleine zu bleiben. Und nur ich wusste, wie viel ich schon an mir gearbeitet habe. Es fühlte sich an, als wäre alles in den Dreck gezogen worden.
Zugleich sehnte ich mich so sehr danach, mir endlich einen Hafen zu schaffen. Doch mein ewiges Getrieben-Sein machte mir einen Strich durch die Rechnung. Nun befand ich mich im freien Fall.
Da saß ich nun in der Circus School mit den Pseudohippies, war ernstlich krank, konnte mit Pai nichts anfangen und verschloss mich. Meine Ernährung wurde elend und außer Kiffen blieb mir nur Schreiben. Meine Stimmung drehte sich radikal, ich fühlte mich gefangen. Einziger Lichtblick war die schöne Aussicht von meiner Hütte. Nach knapp zwei Wochen fühlte ich mich noch immer nicht wesentlich besser, aber ich musste dringend weg. Alles schien seinen Sinn verloren zu haben. Die Manie schlug in Depression um. Zugleich fühlte ich mich weiter getrieben, ein gefährlicher Zustand. Ich konnte mich nicht mehr öffnen. Es hatte Zeiten in meinem Leben gegeben, als mir nur die innere Emigration blieb und ich meterhohe Trennmauern um mich errichtet hatte. Egal wie oft ich sie seitdem eingerissen habe, sie sind immer neu gewachsen. Meine Gedanken begannen zu rasen. Doch ich konnte sie nicht in Aktion umwandeln. Ich fühlte mich aus der Realität in die Nichtexistenz gleiten.
Zu allem Überfluss musste ich noch länger auf Geld warten, um weiterreisen zu können. Irgendwann war ich wieder flüssig und ich zwang mich wieder auf die Straße. Zunächst fühlte ich mich befreit; endlich kam ich wieder in Bewegung. Die Reise trug mich noch einmal über den Mekong und ich blühte auf. Ich lernte eine Reihe wunderbarer Menschen kennen; wir verbrachten zwei Tage im Heck des Bootes, hörten gute Musik, tranken Bier und Apfelwein, rauchten Gras und schipperten in einer Art Trance an den grünen Hügeln und den Felsen entlang, nur durchbrochen von Sandstränden, kleineren Dörfern und den fernen Bergen – eine der schönsten Landschaften, die ich kennen lernen durfte. Endlich hatte ich wieder gute Gesellschaft. Wir bezogen gemeinsam ein ungewöhnliches Gasthaus in Luang Prabang, dem Ziel unserer Schifffahrt. Das Hotel hatte keine Betten, sondern Futons, wurde von einem Japaner betrieben, der nach einer Odyssee durch die Welt hier sein Glück gefunden hatte; es gehörte einem Chinesen. Ich beschloss, mich endlich auszukurieren, bevor ich weiterzog. So ließ ich die neuen Freunde einen nach dem anderen ziehen und konzentrierte mich aufs Schreiben. Doch die Depression holte mich schnell wieder ein. Ich hätte mit den Anderen gehen sollen.
Ich machte es mir aber auch nicht gerade einfach: selbst die zurückhaltenden Laoten tuschelten über den Sarong tragenden Mann. Ich hatte mich in Indonesien sehr an das bequeme Kleidungsstück gewöhnt und nichts anderes mehr getragen. Gegen Ende meiner Zeit in Lombok besaß ich eine staatliche Auswahl für alle Gelegenheiten und (fast) jede Wetterlage. Doch inzwischen war es auch ein verquerer Stolz, wegen dem gar nicht in Frage kam, etwas anderes zu tragen.
Meine Ernährung bestand bald nur noch aus den Besuchen an den Sandwichständen vor dem Nachtmarkt. Ansonsten schlich ich im schwindenden Licht durch die dunklen Straßen, um etwas Gras aufzutreiben. Dass ich mich in einer solch friedlichen Stadt wie Luang Prabang paranoid fühlte, sagt alles über meinen Zustand. Ich fühlte mich bald wie ein gestrandeter und bald mittelloser Schriftsteller, der auf dem Balkon eines alten Kolonialgebäudes am Ufer des Mekong Reportagen schrieb, die ihm zum Durchbruch oder in den Untergang führen würden. Beat Literature 2.0.
Völlig unerwartet fand ich mich kurz darauf in einer Romanze mit einer Chinesin wieder. Das erschien völlig irreal, war ich doch gerade in einem der tiefsten Löcher meines Lebens gelandet. Doch wie es die Umstände und unser begrenzter Mut erzwangen, war dieses Glück zeitlich begrenzt. Trotzdem brach uns der Abschied das Herz.
Doch ich musste ohnehin einen friedlichen Ort zum Runterkommen finden und hoffte ihn nach meinen Abstechern auf den viertausend Inseln und zu den Ruinen von Angkor dauerhaft an den Stränden der kambodschanischen Küste zu finden.
Doch es sollte alles ganz anders kommen. Denn auf der Fahrt von den viertausend Inseln im Süden von Laos nach Siem Raep wurde mir bei einem dubiosen Umstieg mitten in der Nacht fast alles gestohlen: mit meinem Bauchgürtel waren Geld, Bankkarten, Personalausweis und Reisepass verloren – technisch gesehen meine vollständige Identität, die tatsächliche stand auch schon auf wackligen Beinen. Als ich den Verlust realisierte, hätte ich am liebsten meinen Kopf an der Scheibe zerschmettert. Ich dachte, ich hätte das Gröbste hinter mir und nun das. So fuhr ich durch die endlose Nacht nach Siem Raep. Nur wütende Rapmusik konnte mich halbwegs auffangen. Als wir um vier Uhr morgens Siem Raep erreichten, hatte ich das große Glück, das mir eine Spanierin Hilfe anbot und mir die erste Nacht in einem Hotel bezahlte. Am liebsten hätte ich mich am nächsten Tag wie ein Häufchen Elend auf den Boden gelegt und gewartet, bis mich die Schakale verspeisen. Aber Aufgeben galt nicht. Also überzeugte ich in zähen Gesprächen einen der jungen Hotelangestellten, mir seine Identität zu leihen, um über eine Geldanweisung wieder flüssig zu werden. Mit dem kostenlosen und schrottreifen Fahrrad des Hotels fuhr ich zur Tourist Police, um Meldung über den Verlust zu machen. Es sollte aber noch Tage und einen weiteren Bericht brauchen, bis ich an das Dokument kam, das meinen Verlust bestätigte und mir ermöglichte bei der deutschen Botschaft in Pnom Penh einen neuen Pass zu beantragen. Doch ich hielt mich angesichts der Umstände wacker und nachdem die Überweisung geklappt hatte, beschloss ich mir noch einmal drei Tage lang die Ruinen von Angkor anzusehen. Ich entwickelte eine absurde Routine zwischen Hotellobby,  wildem Radfahren auf der Hauptverkehrsschlagader, Abstechern zum Polizeiposten am Eingang des archäologischen Parks von Angkor und Fahrten durch die Tempelstätten. Zur Strafe für meine Dummheit fuhr ich alle drei Tage mit dem Fahrrad in brütender Hitze, etwa 40 Kilometer am Tag. Trotz der ganzen Anspannung erlebte ich kurze magische Momente in den Ruinen. Dann musste ich wieder tief in mich hineinlachen, angesichts der skurrilen Situation, nach Marktmaßstäben vogelfrei durch die Ruinen zu radeln und nichts zu besitzen außer einem Päckchen Gras, um davon zu fliegen.
Danach musste ich in die Hauptstadt. Gerne hätte ich auch dieses Mal Pnom Penh gemieden, doch ich hatte keine Wahl. Dafür ging die Beantragung des neuen Passes erstaunlich schnell: innerhalb von zwei Tagen hatte ich einen vorläufigen Reisepass. Danach musste ich zum Flughafen, um ein neues Visum zu beantragen, ohne konnte ich Kambodscha nicht wieder verlassen. Bis das Visum ausgestellt war, würde es ein paar Tage dauern und so machte ich mich am nächsten Tag auf zur Küste. Ich verbrachte fünf Tage am Otres Beach und genoss einen der Vorzüge des korrupten Landes – die Verfügbarkeit von Marihuana, das offen an Bars verkauft wurde. Ich fand in einem russischen Paar angenehme Gesellschaft, doch es fiel mir schwer, abzuschalten und das Meer zu genießen. Bald verschwand ich hinter einer dichten Rauchwolke.
Langsam zollte die Anspannung ihren Tribut und ich wusste langsam nicht mehr, wo oben und unten ist. Doch nun musste ich wieder zurück nach Pnom Penh. Der Bus fuhr sogar am Flughafen vorbei und ich ließ mich spontan dort rausschmeißen und erhielt meinen Pass mit Visum zurück. So konnte ich unmittelbar meine Reise nach Siem Raep fortsetzen. Von dort aus hatte mir mein Bruder einen Flug auf die Philippinen gebucht und auch der Rückflug von dort nach Deutschland war bereits gebucht. Am späten Abend war ich wieder zurück im angestammten Hotel.
Nun konnte ich endlich noch einmal Angkor in Ruhe besuchen. Doch wieder weit gefehlt. Ich hatte zwar noch einmal eine Geldüberweisung vereinbart, doch ich hatte die Rechnung ohne den Wirt, respektive die Banken und Western Union gemacht. Mein neuer Pass enthielt nun alle meine Vornamen und so konnte ich das Geld nicht in Empfang nehmen – Empfängername und Pass müssen exakt identisch sein. Also bat ich meinen Vater darum, die Überweisung entsprechend abzuändern. Nun musste es doch klappen; Musste es nicht! Denn beim Buchstabieren hatte sich ein kleiner Fehler eingeschlichen und ein Buchstabe in einem der Vornamen fehlte – genug um mir die Auszahlung erneut zu verweigern. Das Problem war wieder akut: am nächsten Tag war Sonntag, der Tag an dem ich fliegen sollte und es schien so, als wäre es unmöglich, den Namen noch einmal zu ändern. Ohne Geld keine beglichene Hotelrechnung - und damit kein Flug. Nun wusste ich auch nicht mehr weiter und war am Boden zerstört. Ich saß in der Hotellobby und rang nach Luft, das konnte doch alles nicht wahr sein. Nun hatte mich auch das letzte Bisschen Coolness verlassen.

Doch es gab noch eine nicht mehr erwartete glückliche Wendung und schließlich konnte ich tatsächlich das Geld in Empfang nehmen, meine Schulden begleichen und mit einem offensichtlich betrunkenen Scooterfahrer durch die wegen dem Neujahrsfest völlig verstopften Straßen hindurch zum Flughafen gelangen.
Diese Hypothek hatte mich auf den Philippinen endgültig eingeholt.
Von Siargao reiste ich zurück nach Mindanao, um Camiguin zu erreichen. Wieder fuhr ich durch unbekanntes Terrain, einen einzigen Touristen sah ich an diesem Tag. Als es dunkel wurde war ich immer noch in einem Bus unterwegs und hatte nichts weiter im Kopf, als den Ort, an dem ich aussteigen musste, um die Fähre nach Camiguin zu erreichen. Gab es dort Unterkünfte? Oder musste ich irgendwo draußen übernachten? Selbstbewusstsein sieht anders aus!
Ich hatte mich wohl eindeutig zu weit weg begeben, zu lange in der Fremde verbracht, zu wenig mit anderen Menschen geteilt. Die Einsamkeit bekam mir nicht, aber ich konnte sie auch nicht durchbrechen.
Es war schon lange dunkel, als ich Balingoan erreichte. Nachdem ich eine Zelle zum Schlafen aufgetan hatte, war ich unglaublich erleichtert.
Am nächsten Morgen setzte ich über. Camuguin ist wunderschön, gekrönt, gesegnet und verflucht von sieben Vulkanen. Dabei kann man die Insel in wenigen Stunden umrunden. Die Menschen waren unglaublich freundlich. Doch auch diese Insel war auch nicht die richtige für mich. Auf Camiguin traf ich hauptsächlich auf Touristen, die zum Tauchen gekommen waren und über deutlich mehr Geld verfügten. Und dann gab es die, die sich hier mit einer Philipina kurzzeitig oder dauerhaft niedergelassen hatten. Viele Einheimische zeigten sich überrascht, dass ich nicht auch eine Einheimische an meiner Seite hatte. Widerlich genug, dass dies ein Geschäftszweig ist, echte Liebe ausgenommen. Aber wie konnte es sein, dass das allgemein akzeptiert war? Das gehört zu den Dingen, die ich in einigen asiatischen Ländern wohl niemals akzeptieren kann. 

Meine erste Unterkunft war ein Raum mit drei schmalen Stockbetten. Zumindest extrem billig. Als ich aber am Abend ein Bier vor der Pension trank und etwas Musik hörte, erblickte ich etwas, dass mir gar nicht gefiel. Ich brach in schallendes, zynisches Gelächter aus. Direkt vor dem Fenster meines Zimmers sah ich sechs Kampfhähne sitzen. Ich ahnte was das bedeuten würde. Es war noch schlimmer. Um drei Uhr morgens machten sie einen solchen Lärm, das an Schlaf nicht zu denken war. Drei Stunden später wurde ich von einem jungen Führer abgeholt, mit dem ich den Hibok-Hibok, einen der Vulkane der Insel besteigen würde. 
Trotz der Müdigkeit und der überschaubaren Konditions-Übungen der letzten Zeit, ging der Aufstieg gut vonstatten. Der Blick von oben auf die Küstenlinie und die vorgelagerte Insel „White Island“ war grandios und von hier aus konnte ich auch sehen, dass die Hauptstadt, die mir in meinem klaustrophobischen Zustand so groß vorgekommen war, nichts weiter als ein winziges Nest war. Wir stiegen hinab zu einem See, der von Regenwasser gespeist wird und in einer unwirklichen, tiefgrünen Dschungellandschaft eingebettet liegt. Am eigentümlichsten an solchen Orten finde ich die Stille. Abgesehen von Vogelgezwitscher hörten wir keinen Laut. Und man kann diese Stille hören. Zumindest fühlt man den Druck in den Ohren, die immer daran gewohnt sind, eine dauerhafte Geräuschkulisse wahrzunehmen. Das war dann aber auch schon das große Highlight auf der Insel.
Am dritten Tag hatte ich es an einen Strand geschafft und eine bezahlbare Hütte gefunden. Der Nachteil: es hab keine Küche, keine anderen Touristen und auch sonst nichts. Und ich kam aus meinem Gedankenchaos auch nicht mehr raus. Höhepunkt der Tristesse war, als ich meine Ernährung weitgehend einstellte und bestenfalls noch flüssig Brot konsumierte. Wenn ich dann betrunken den Sonnenuntergang betrachtete, rammte ich mein Messer in Konservendosen mit Tunfisch und fraß sie mit einer Art Brot. Das war der endgültige Tiefpunkt. Und nun überfiel mich alles. Hatte ich dem Druck in Kambodscha noch erstaunlich gut standgehalten und auch die Panikattacken auf Siargao einigermaßen weggesteckt, war es nun so weit. Ich konnte schon lange nicht mehr halbwegs schlafen, beschäftigte mich entweder mit meinem grandiosen Scheitern oder der unmöglichen Zukunft und fühlte mich so unlebendig wie schon ewig nicht mehr.
Ich hatte mich völlig überfordert. Die Folgen waren Paranoia, Rückzug, Zukunftsängste, Depressionen, und Verzweiflung in grenzenloser Einsamkeit, verstärkt durch meine körperliche Anwesenheit an völlig abgelegenen Orten. Verzweifelt hielt ich nach dem Ort Ausschau, an dem sich alles noch mal drehen würde; doch mein inneres Chaos machte das Finden eines solchen Ortes unmöglich. Auf dieser letzten Etappe wurde mir noch einmal besonders bewusst, wie weit ich mich von meinem alten Leben entfernt hatte, dass ich Grenzen überschritten hatte, die keine Umkehr erlauben. Ich spürte in aller Konsequenz, dass ich ein Getriebener bin, vielleicht ein ewiger Wanderer. Tragisch daran war, dass ich keinen Ort gefunden hatte, an dem ich auftanken konnte und keine Grundlage, die mir ein unabhängiges Leben ermöglichte.

Eines Abends wurde alles zu viel. Ich lag in meiner Hängematte an diesem eigentlich wunderschönen Ort und wusste nicht mehr weiter. Ich konnte nicht mehr. Und da überfielen mich die Gedanken aus der Vergangenheit. Ich fühlte mich lebensmüde. Ich wusste, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Das bestürzende war, dass ich mir zwei Jahre zuvor mit meinem ersten Buch all die dunklen Zeiten von der Seele geschrieben hatte. Doch sie holten mich noch immer ein, wahrscheinlich reinszenierte ich sie unbewusst. Hatte ich gedacht, die Dämonen gebannt zu haben, dann wusste ich nun, dass es höchstens ein Schritt dahin gewesen war.

Als ich die Insel mit dem Mut der Verzweiflung wieder verlassen wollte, musste ich feststellen, dass für Tage die Fähre ausgebucht war. Das hatte ich vor fünf Jahre zuvor in Paros schon einmal erlebt. Offenbar erlebte ich den Wahn meiner ersten Reise noch einmal am Ende. Das war eine komische Art einen Kreis zu schließen. Aber vielleicht war es auch so: ich hatte immer gehofft, irgendwann richtig satt vom Reisen und Suchen zu sein. Vielleicht sollte ich lieber wieder nach Griechenland reisen, als mich 12.000 Kilometer von meinen Wurzeln und Freunden zu wissen. Vielleicht brauchte es diese schreckliche Erfahrung noch einmal, um ohne Bedauern heimgehen zu können. Und erst dann wieder über Indien oder Indonesien oder Südamerika nachzudenken, wenn es gesund war und ich eine Basis gefunden hatte. Das würde nicht alles auslöschen, was ich an Gutem erlebt hatte, aber im Moment konnte ich nicht darauf zugreifen. Mein letzter Tag auf Camiguin war zumindest ein halbwegs versöhnlicher Abschluss. Ich mietete einen Scooter, umrundete die Insel und war begeistert wieviel Freundlichkeit mir dabei begegnete!
 
Die letzte Episode fand am Alona Beach auf der kleinen Insel Panglao südlich von Bohol statt. Auf dem Weg atmete ich das letzte Mal richtig durch. Das schien absurd. Eigentlich wollte ich nicht mehr weiter herumirren, doch dann waren es gerade die Fahrten zwischen den Orten, die in mir auf der einen Seite besondere Beklemmung erzeugten, mir auf der anderen Seite aber auch die wenigen verbliebenen Glücksmomente bescherten. Vielleicht war es so: Ich gehörte nicht mehr richtig nach Deutschland, nun hatte ich in der Fremde meine Grenzen erfahren, und mit den Touristen, die einen sorglosen Urlaub erleb wollten, hatte ich auch nicht viel gemein.
Alona war für mich wie das Fegefeuer. Es war einer der touristischen Orte, die ich verabscheue. Ich hatte gehofft, hier wieder Anschluss zu finden und einen Platz zu finden, an dem ich nichts tun musste, außer essen, schlafen, lesen und am Strand dösen. Doch die Vollendung des Kreises dieser Reise blieb mir verwehrt. Ich hatte zu lange auf dem Drahtseil balanciert.
Am Ende kam es mir vor, als müsste ich mich selbst aus einem Krisengebiet evakuieren. Die Reise zurück nach Deutschland war eine der längsten Nächte meines Lebens. Von Manila bis zur Landung in Frankfurt war eine einzige Dunkelheit. Wir flogen vor der Sonne davon. Diese Schwärze war eine Metapher für die Ungewissheit meiner Zukunft. Ich konnte doch nicht immer als Getriebener durch die Weltgeschichte irren, angetrieben von fiebrigen Träumen und der Hoffnung, die Welt zu verändern.